Die
Geschäftsidee der APO Bank greift, KV Chef Herr Köhler sucht neue Einnahmequellen
nach seiner Abwahl….
aus der FAZ: Ärzte
greifen ein
Von Andreas
Mihm
Zentral
versorgt: ein Versorgungszentrum in Köln
Die Ansage
auf dem Kongress der Nierenärzte kürzlich in München war laut und eindeutig:
"Gehen Sie weg hier, wir brauchen Sie nicht." Der verbale
Platzverweis betraf nicht das Podium, auf dem Martin von Hummel, der
Geschäftsführer von Diaverum Deutschland, Platz genommen hatte. Er galt für das
ganze Land. Denn die Diaverum GmbH, hinter der ein Private-Equity- Fonds steht,
betreibt Dialysezentren für Nierenpatienten und kauft Kassenarztsitze für ihre
Medizinischen Versorgungszentren (MVZ) auf.
Das passt den
Ärzten gar nicht. Ärztepräsident Jörg-Dietrich Hoppe sagt: Wenn
Finanzinvestoren wie "beispielsweise Hedge-Fonds Laborpraxen oder
Pathologie-Institut e aufkaufen, dann erwarten die Investoren auch
Rendite." Mehr als je zuvor müssten sich Ärzte mit Gewinnerwartungen
Dritter auseinandersetzen. Vizepräsident Frank Ulrich Montgomery warnt:
"Ganz und gar nicht dürfen MVZ Spekulationsobjekt von Kapitalfirmen und
ausschließlich gewinnorientierten Investoren sein."
Die Gründung
der Medizinischen Versorgungszentren ist seit 2004 in Deutschland zulässig.
Nicht nur Ärzte tummeln sich als MVZ-Gründer; auch Privatinvestoren,
Krankenhäuser und Klinikketten gründen MVZ für jede Form der ambulanten
Behandlung. Anfang des Jahres gab es schon knapp 1500 MVZ, mit wachsender
Tendenz und zum wachsenden Ärger von Ärztekammern und Ärztevereinigungen. Die
Politik haben sie schon alarmiert.
Die Koalition
will sicherstellen, dass bei Neugründungen die Mehrheit der Anteile in
Ärztehand liegt. Doch bis es so weit ist, werden die Ärzteorganisationen selbst
aktiv: Sie wollen ärztliche Versorgungszentren (ÄVZ) in Eigenregie betreiben.
"Aufbau einer ÄVZ-Marke und ÄVZ-Kette in der vertragsärztlichen Versorgung
als Gegengewicht zu den privaten Klinikketten und in- und ausländischen
Finanzinvestoren", wird das Ziel intern beschrieben. Letztlich geht es
darum, im Kampf um die Neuverteilung des ambulanten Versorgungsmarktes nicht zurückzufallen.
Patiomed
heißt die Gesellschaft, die dafür kürzlich in Berlin gegründet wurde. Ausgeschrieben
heißt das: Patientenorientiert e Medizin. Das klingt fast so, als gäbe es das
bisher nicht. Patiomed will sogar werden, was Apotheken in Deutschland verboten
ist: eine Kette. Ziel sei der "Aufbau einer Marke für ambulante Versorgung",
sagt Vorstandschef Thomas Gardain. Bis 2020 wolle man 100 MVZ tragen, betreiben
oder unterstützen, sagt der Facharzt für Innere Medizin. In einem internen
Strategiepapier ist auch die Rede von der "Wahrnehmung von
Versorgungsaufgaben im Gesundheitswesen auch außerhalb der bisherigen
Kernbereiche der Kassenärztlichen Vereinigungen".
Gegen
die Fremdbestimmung
Patiomed
ist zwar eine Aktiengesellschaft, will aber nicht in erster Linie
Gewinnerwartungen ihrer Aktionäre befriedigen. (Was denn sonst?) Sie strebt auch nicht an die Börse.
Die AG könnte aber, so Gedankenspiele, eines fernen Tages neue Aktien an Ärzte
und deren Verbände verkaufen, wenn sie frisches Geld nötig hat. Zunächst will
die Gesellschaft vor allem Praxen betreiben und den Ärzten möglichst viele
Freiheiten lassen. Die Palette reicht vom angestellten bis zum freiberuflichen
Arzt als Partner. Pate ist das Modell der Rechtsanwaltskanzle i, neudeutsch
"Law firm".
"Wir
wollen vor allem auch einer zunehmenden Fremdbestimmung der ärztlichen
Tätigkeit in MVZ-Strukturen, deren Träger sich primär an Renditezielen
orientieren, deutlich etwas entgegensetzen", sagt Carl-Heinz Müller,
Vorstand der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Patiomed werde Vertragsärzten
keine Konkurrenz machen und keinen Verdrängungswettbewe rb initiieren,
verspricht Gardain. Patiomed wolle aber nicht "die verlängerte Werkbank
einer Klinik" sein. 20 Millionen Euro wollen die Gesellschafter
lockermachen.
Patiomed
ist nicht irgendeine Geschäftsidee. Dafür bürgen schon die Eigner. 49 Prozent
der Aktien hält die Apotheker- und Ärztebank, 24 Prozent der Deutsche
Ärzteverlag, zwei Prozent eine Züricher Beteiligungsgesells chaft.
Durchgerechnet 25 Prozent hält die KVmed GmbH. Dahinter stehen die
Äskulap-Stiftung, die von Chefs von Kassenärztlichen Vereinigungen (KV) als
Privatleuten finanziert wurde, sowie der Verband privatärztlicher
Verrechnungsstellen und der Klinikkonzern Asklepios. Gewinne der KVmed sollen
nur "der Förderung der vertragsärztlichen Versorgung dienen".
Spiritus
Rector der Versorgungszentren in Ärztehand ist der Chef der Kassenärztlichen
Bundesvereinigung, Andreas Köhler. Der sitzt auch im Aufsichtsrat der Apo-Bank,
beaufsichtigt den Ärzteverlag und hat die Äskulap-Stiftung erfunden.
Klinikkonzerne
haben viele MVZ gegründet
Patiomed
kommt spät. Nach Zahlen der Kassenärztlichen Bundesvereinigung gab es Anfang
2010 bereits 1454 MVZ. Mehr als jedes Dritte wurde von einem Krankenhaus
getragen. Gerne auch in der Hoffnung, die vorgeschalteten Praxen würden helfen,
Betten zu füllen. Große privatwirtschaftlic he Klinikkonzerne haben Dutzende MVZ
gegründet. Allein die Rhön-Klinikum AG 31, die Helios AG 24.
Olaf
Jedersberger, bei Helios Konzerngeschä ftsführer für das operative Geschäft,
sagt, man gründe MVZ nur dort, "wo sie eine sinnvolle Ergänzung zu unseren
Kliniken bilden und eine qualitativ gute ambulante Versorgung andernfalls nicht
dauerhaft sichergestellt werden kann". Vielfach arbeite man mit
Kassenärztlichen Vereinigung zusammen. RhönKlinikum- Chef Wolfgang Pföhler sagt,
MZV spielten im Versorgungskonzept eine wichtige Rolle: "Indem wir die
fachärztliche Versorgung über die ambulant-stationä re Sektorengrenze hinweg zum
Nutzen unsere Patienten optimal organisieren, stellen wir eine hochwertige
medizinische Versorgung wohnortnah sicher." So könne man trotz steigender
Kosten hochwertige Medizin gewährleisten.
MVZ scheinen
auch die richtige Antwort auf Wünsche junger Ärzte zu sein. Viele scheuen
Investitionen für den Kauf oder die Gründung einer eigenen Praxis, wollen keine
55 Stunden in der Woche als "Freiberufler" arbeiten, sondern lieber
als angestellter Arzt mit festem Einkommen und geregelter Arbeitszeit. Der
Trend wird dadurch verstärkt, dass bald zwei von drei jungen Ärzten Frauen
sind.
In einem
wachsenden Gesundheitsmarkt nehme die Zahl der Existenzgründungen von Ärzten
ab, stellt die Apo-Bank besorgt fest. Wurden 2007 noch 4269 Praxen gegründet,
seien es 2009 nur noch 3442 gewesen, fast ein Fünftel weniger. "Ärztlicher
Nachwuchs präferiert zunehmend Angestelltenverhä ltnisse zu Lasten
freiberuflicher Existenzgründungen", zeigen sich die Banker alarmiert.
Patiomed soll
auch eine ärztliche Antwort auf den Strukturwandel in der ambulanten Versorgung
sein. Weg vom einzelnen Praxisinhaber, hin zu Gemeinschaftspraxen
unterschiedlichster Rechtsformen, Trägerschaften und Beschäftigungsverhä ltnisse.
So könnte die Gesellschaft Träger für Versorgungszentren auf dem Land werden,
wo sich immer weniger Ärzte niederlassen. Vereinzelt stellen Kassenärztliche
Vereinigungen heute schon Ärzte an, um die Versorgung zu sichern. Künftig
könnte dann auf dem Praxisschild stehen: Patiomed.